"Gott und die Sonne" - Ukraine
Von Varvara Zhluktenko
Ich frage ihn: „Artem, was ist tagsüber am Himmel?“
„Die Sonne“, antwortet er.
„Und was ist in der Nacht am Himmel?“
„Gott“, sagt er.
„Wir lieben Artem wie die anderen zwei Kinder in der Familie.“ Liudmyla stricht über ihren zweijährigen Enkel, und ihre ernste, erschöpfte Miene erhellt ein zärtliches Lächeln. Die dünne Frau aus Kiew wirkt angespannt. Ihre Stimme ist voll Besorgnis und Angst. Das Leben scheint an ihr zu zehren, ihr ständig neue Herausforderungen aufzubürden.
Kürzlich jedoch hat des Schicksal Liudmyla ein unbezahlbares Geschenk gemacht: Als Artem 18 Monate alt wurde, verschwand jeder Verdacht, dass er HIV-positiv ist. Ein Test hat erwiesen, dass der kleine Junge, dessen Mutter HIV-positiv ist und dessen Vater es ein könnte, sich aber nicht testen lassen möchte, gesund ist.
Das Recht auf einen Enkelsohn
Liudmylas Hauptsorge ist nun, wie sie die offizielle Vormundschaft für ihren Enkel bekommen kann. Obwohl ihn seine Mutter nicht offiziell abgegeben hat, nimmt sie Drogen und sieht ihn kaum. Die Mutter erhält ein kleines Kindergeld, und sie will es nicht denjenigen geben, die tatsächlich für ihn sorgen. Dabei würde das Geld dringend gebraucht werden. Für Saft. Für andere Kleinigkeiten.
Da sie nicht sein offizieller Vormund ist, kann die alte Frau mit den Kind nicht Verwandte besuchen, die am Meer im südlichen Russland leben. Liudmyla hat immer davon geträumt, dass der Junge einmal im Meer schwimmen kann. Aber damit er reisen darf, braucht sie die Unterschrift beider Eltern. Und es ist nicht einfach, diese zu bekommen.
Etwa 10 Prozent aller HIV-positiven Mütter in der Ukraine geben ihre Neugeborenen ab, obwohl deren HIV-Status erst nach 18 Monaten festgestellt werden kann. Eines der Ziele von UNICEF ist die Vermeidung solcher „sozialen Waisen“. Das emotionale Trauma, das durch das Verlassen werden und die Abgabe an Kinderheim entsteht, kann ein Leben lang nachwirken.
Es sind Verwandte, meist die Großeltern, die die Vormundschaft von HIV-positiven Kindern, die aus verschiedenen Gründen ihre Eltern verlieren, übernehmen. Dafür gibt es vom Staat eine Unterstützung in der Höhe von zwei Durchschnittseinkommen (rund 1,000 UAH).
Auf der Suche nach Hilfe
Liudmyla wurde gerade pensioniert und ihr Mann ist aufgrund der Wirtschaftskrise auf Zwangsurlaub. Die Sozialleistungen der Regierung wäre gerade jetzt eine große Hilfe dabei, die Familie zu unterstützen. „Ich versuche, Artem jeden Tag Saft zu geben, obwohl es teuer ist,“ sagt sie. „Ich versuche auch, ihm eine Banane oder eine Kiwi und Milchprodukte zu geben. Das ist unbedingt notwendig. Ich habe niemals spezielle Vitamine für Kinder gekauft, weil die zu teuer sind, aber frisches Obst gehört zu unserer täglichen Ernährung.“
Die Frau hat einen Kurs für Familien mit HIV-positiven Kindern besucht, den UNICEF in Kiew organisiert hat. British Airways hat das Training finanziell unterstützt. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Möglichkeit, dass Artem HIV-positiv ist.
Heute sind Liudmyla und Artem gern gesehene Besucher einer Hilfseinrichtung, die vom Ukrainischen Netzwerk von Menschen mit HIV/AIDS betrieben wird. Aber die Organisation, die humanitäre Hilfe leistet, Spitalsgutscheine verteilt und vieles mehr, hilft in erster Linie Menschen mit HIV/AIDS – was Artem – Gott sei Dank – nicht ist. Darum ist Liudmyla auf sich selbst gestellt. Vor kurzem gab es eine weitere schwere Familienkrise: Artems Vater, Liudmylas Sohn, wurde schwer krank. Er sieht das Kind, wenn er kann, aber die Hauptlast der Betreuung liegt auf Liudmyla.
„Liebst Du mich?“ fragt sie ihren Enkel. „Liebe“ antwortet der lebhafte, blonde Bub, und umarmt seine Großmutter.
Laut dem Ukrainischen AIDS-Center, wurden allein 2008 3,649 HIV-positive Kinder registriert. Seit 1987 wurden offiziell 20,926 HIV-positive Kinder erfasst – 225 davon sind verstorben.
Mit der Unterstützung von British Airways bietet UINCEF Kurse über die Besonderheiten in der Pflege von HIV-positiven Kindern an. Diese Kurse wurden bereits in 5 ukrainischen Städten angeboten und haben rund 150 Adoptiv- und Pflegefamilien zusammengebracht. Zusätzlich wurden rund 60 MitarbeiterInnen von Sozial- und Gesundheitseinrichtungen geschult.
Außerdem wurden aktuelle ukrainische Gesetze und Rechtspraxis in Hinblick auf ihre Unterstützung für Pflegefamilien HIV-positiver Waisen überprüft. Mittel für spezialisierte Hilfseinrichtungen wurden aufgebracht; Materialien für SozialarbeiterInnen und Eltern wurden erstellt.





