Jugendliche helfen – Das „Young people we care“-Programm
von Tsitsi Singizi
Zimbabwe – Das Läuten der Glocke signalisiert das Ende eines langen Schultages. Schüler strömen aus den Klassenzimmern, und innerhalb von 5 Minuten machen sie sich auf den fünf bis zehn Kilometer weiten Weg nach Hause. Marshall Muranda nimmt noch einen kleinen Umweg, weil er, wie er seinen Freunden sagt, „sich noch um etwas kümmern muss“.
Anders als bei vielen Gleichaltrigen hat der Umweg des 15-Jährigen nichts mit einem Mädchen oder einer Verabredung zum Fußball zu tun. Und obwohl der Vorzugsschüler eigentlich Hausaufgaben machen sollte, besucht er das Haus des sechsjährigen Victor Ngorima. Marshall hilft ihm bei den Aufgaben. Danach reinigt er das Haus und bereitet ein Abendessen für das Kind und seinen kranken, HIV-positiven Vater zu, Drei Stunden später läuft er los, und beginnt seinen Heimweg, der eine Stunde lang dauert.
Marshall ist nicht mit der Familie Ngorima verwandt. Er hat Victor's Mutter nie gekannt, die vor zwei Jahren an AIDS verstorben ist. Marshall ist einfach da, um zu helfen. Der jugendliche Freiwillige aus dem „Young People We Care“ (YPWC)-Programm, das UNICEF unterstützt, ist der einzige Mensch, den die Familie hat.
Im Angesicht einer sich zuspitzenden WAISEN-Krise (Zimbabwe ist prozentual gesehen weltweit das Land mit den meisten Waisen) und der viert höchsten HIV-Rate der Welt steigt besonders in ländlichen Regionen der Bedarf an Unterstützung. Meistens übernehmen Familien diese Aufgabe, aber bisher gab es kaum Hilfe für jene Haushalte, in denen es niemanden mehr gibt, der sich um die chronisch Kranken kümmern kann. Jetzt wollen junge Menschen im ganzen Land diese Lücke schließen.
Die YPWC-Initiative – finanziert von UNICEF – sucht und ermuntert junge Leute ihre Gemeinschaft zu unterstützen, indem sie für Menschen mit HIV/AIDS sorgen. Zu dem Programm gehört auch die Ausbildung der Jugendlichen. Die Freiwilligen helfen im Haushalt, bei der Landwirtschaft – aber sie sind auch Spielgefährten und offenes Ohr für die betroffenen Kinder. Marshall möchte „seiner“ Familie mehr bieten als ein sauberes Haus.
“Victor hat keine Geschwister. Er hat seine Mutter verloren, und sein Vater ist sehr krank. Ich kann ein Freund, ja sogar ein Bruder sein,” sagt Marshall, “ich hoffe, das bedeutet ihnen etwas.”
Das tut es. Herr Ngorima ist von seinen Gefühlen überwältigt, wenn er von Marshall spricht. “Ich habe bei so einem jungen Menschen niemals so viel Mitgefühl und Verständnis erwartet. Er ist immer gut gelaunt, und ich genieße es, mich mit ihm zu unterhalten. Victor himmelt ihn an. Wenn er da ist, ist mein Sohn immer an seiner Seite. Mir ist aufgefallen, dass Victor jetzt sogar Marshalls Gang übernommen hat.“ Er lächelt. „Ich bin dankbar für die Unterstützung der jungen Leute. Ich hoffe, sie erreichen auch andere wie mich und meinen Sohn.”
Das „Young People We Care“-Programm wurde 2004 begonnen. Es entstand aus der Notwendigkeit, die Lücke zwischen Prävention und Pflege zu schließen und basiert auf der Kreativität und Energie von Zimbabwes Jugendlichen. Es gibt mehr als 4 000 Freiwillige und vermittelt Jugendlichen praktische Fähigkeiten im Umgang mit HIV/AIDS. Außerdem ist das Programm auch ein Sicherheitsnetz für die steigende Zahl an Waisen, wie den jungen Victor, die dringend Kameradschaft und psycho-soziale Unterstützung benötigen. Aufgrund des Programms erreichen jungen Menschen im ganzen Land immer mehr Haushalte mit praktischer Hilfe.
“Junge Menschen engagieren sich in Zeiten einer großen Krise,” sagt UNICEF-Vertreter Dr. Festo Kavishe, “Sie agieren selbstlos, und durch das Programm können wir effektive Hilfe für Haushalte, die von HIV/AIDS betroffen sind, leisten und gleichzeitig jungen Menschen Verantwortungsgefühl vermitteln . Auch leistet UNICEF einen entscheidenden Beitrag, gerade jene Menschen in Zimbabwe zu erreichen, die am dringensten Hilfe benötigen.“





