HIV-positive Kinder und Jugendliche ausgegrenzt und diskriminiert
In Osteuropa und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion breitet sich nach einer neuen Untersuchung von UNICEF eine verdeckte Aids-Epidemie unter benachteiligten Kindern und Jugendlichen rasant aus. Diese wird durch eine explosive Mischung aus Drogenmissbrauch und sexueller Übertragung unter Heranwachsenden, die am Rande der Gesellschaft leben, vorangetrieben. Die bestehenden Gesundheits- und Aufklärungsprogramme erreichen diese Risikogruppen nicht. Stattdessen werden die betroffenen Kinder und Jugendlichen als delinquent und „asozial“ gebrandmarkt. Dies ist Ergebnis des neuen UNICEF-Reports zu Aids und Kindern in Osteuropa und Zentralasien, der heute auf der Welt-Aids-Konferenz in Wien vorgestellt wurde.
„Blame and Banishment – the Underground Epidemic Affecting Children in Eastern Europe and Central Asia“ wurde heute in Wien, im Zuge der XVIII. Internationalen Aidskonferenz, von UNICEF-Direktor Anthony Lake vorgestellt. Als Konsequenz fordert UNICEF einen programmatischen Wechsel in der Gesundheits- und Sozialpolitik im Kampf gegen Aids in der Region. An die Stelle von Schuldzuweisung und Ausgrenzung müssen Hilfe und Verständnis treten.
Nirgendwo auf der Welt steigt laut UNICEF die Rate der HIV-Neuinfektionen so stark an. Seit 2006 verzeichnen zum Beispiel einige Regionen Russlands einen Anstieg um 700 Prozent. Etwa ein Drittel der Neuinfektionen entfallen inzwischen auf Jugendliche und junge Erwachsene; 80 Prozent der Infizierten sind jünger als 30 Jahre. Die UN schätzen die Zahl der HIV-Infizierten in Osteuropa und Zentralasien auf rund 1,5 Millionen – gegenüber 900.000 im Jahr 2001.
Vor allem Heranwachsende am Rande der Gesellschaft sind bedroht
Jugendliche, die ihr ganzes Leben im Heim verbracht haben, Straßenkinder, minderjährige Prostituierte, Drogenabhängige, die oft schon im Jugendalter ihre Hoffnungslosigkeit mit der Spritze betäuben.
Heimkinder: Die Tradition, Kinder aus schwierigen Familien in staatliche Fürsorgeeinrichtungen zu stecken, ist ungebrochen. Rund 1,3 Millionen Kinder in der Region wachsen in Heimen auf, wo sie nur selten auf ein normales Leben vorbereitet werden. Aus Hoffnungslosigkeit laufen viele fort und landen auf der Straße.
Straßenkinder: Eine aktuelle Untersuchung in St. Petersburg unter über 300 Straßenkindern ergab, dass 40 Prozent HIV-positiv waren. Ähnlich hohe Raten fand man in Odessa und Donetsk in der Ukraine. Eine von UNICEF zusammen mit Partnern durchgeführte Befragung in der Ukraine unter 800 Kindern und Jugendlichen, die die Hälfte des Tages auf der Straße verbrachten, zeigte, dass 56,7 Prozent der Mädchen sich gelegentlich prostituierten.
Drogenmissbrauch: Der häufigste HIV-Übertragungsweg sind verseuchte Spritzbestecke. Gerade junge Drogenabhängige achten nicht auf diese Gefahr. Vielfach prostituieren sich die Buben und Mädchen. Viele Straßenkinder nehmen bereits im Alter von zwölf bis 16 Jahren harte Drogen.
Stigma und Ausgrenzung: Umfragen zeigen, dass HIV-Infizierte und ihre Angehörigen in Osteuropa und Zentralasien meist als „Außenseiter“ oder „Ausgestoßene“ und nicht mehr als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen werden. Die Folge: Viele HIV-Infizierte fürchten das Stigma mehr als den Ausbruch von Aids und verheimlichen ihre Infektion.
Gesundheitseinrichtungen und Sozialbehörden: Der Gedanke, dass die Aids-Epidemie wirksamer bekämpft werden kann, indem man die Risikogruppen unterstützt, wächst nur langsam. Fehlende Vertraulichkeit führt dazu, dass Hilfebedürftige keine Unterstützung suchen. HIV-positiven Kindern wird regelmäßig der Zugang zu Kindergärten und Schulen verweigert.
Rechte und Würde
„Kinder und Jugendliche, die am Rande der Gesellschaft leben, brauchen Zugang zu Gesundheitsdiensten und sozialen Einrichtungen, nicht eine herbe Dosis Missbilligung“, sagte heute UNICEF-Direktor Anthony Lake in Wien.
So erzählt zum Beispiel die Pflegemutter eines HIV-positiven Kindes, wie ihr Pflegesohn geächtet wird, seit sein HIV-Status bekannt wurde. „Seine Klassenkameraden sagen, dass er „ekelerregend“ ist und weigern sich, mit ihm zu spielen.“
„Der Report ist ein Aufruf, die Rechte und Würde aller Menschen, die mit HIV oder mit dem Risiko einer Ansteckung leben, zu schützen, vor allem aber Rechte und Würde von Kindern und jungen Menschen“, sagte Anthony Lake. „Nur durch die Eindämmung der Diskriminierung von Menschen mit HIV könne Osteuropa und Zentralasien beginnen, die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen.“
„Sie sprechen nicht mit den Schmutzigen.“
„Von dem Moment an, als ich sie sah, wusste ich sofort, dass ich sie wie meine eigenen Kinder lieben würde. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als die Adoptionsagentur mich davon überzeugen wollte, die beiden Mädchen nicht zu nehmen! Sie sagten zu mir, `Warum wollen sie sich so etwas antun, sie sollten andere Kinder nehmen’.“
Elena, Ukraine, Adoptivmutter von zwei HIV-positiven Mädchen
„Als ich zum Arzt in unsere Klinik ging, wollten sie mich nur loswerden. Hier in der Atis-Klinik behandeln mich die Ärzte ohne mich zu verurteilen.“
Tamara, HIV-positiv, über das Atis-Zentrum in Moldau
„Sie sprechen nicht mit den Schmutzigen.“
Bub, der auf den Straßen Kiews lebt, über seine Erfahrungen mit Gesundheitspersonal
„Mein Mann schlug mich und sagte mir, ich solle dorthin gehen, wo ich Aids gefunden hätte. Er warf mich mit meinem kranken Kind und den restlichen Kindern aus dem Haus. Meine ehemaligen Kollegen erlaubten mir nicht, zur Arbeit zurückzukehren. Alle im Dorf machten Gesten mit den Fingern und wechselten die Straßenseite. Ich wurde aus dem Dorf ausgestoßen und schaffte es kaum, zu überleben.“
Dilfruz, eine junge Mutter aus Kirgistan
Als Olimbi versuchte, ihre HIV-positiven Kinder einzuschulen war sie mit massiven Protesten der anderen Eltern konfrontiert. Sie wurde sogar körperlich bedroht. Die Worte von einem Elternteil verfolgen sie noch immer: „Du solltest deine Kinder mitnehmen und euch umbringen, alle von euch, und lasst uns und unsere Kinder allein.’ Das tat weh. Es ist jetzt Teil unseres Lebens. Bei jedem Schritt sind wir mit so einer Einstellung konfrontiert.“
Olimbi, HIV-positive Mutter aus Albanien
„Sie benützen alle möglichen Ausreden um die Aufnahme zu verweigern – von `es ist kein Platz frei’ bis hin zu direkten Weigerungen wie `gehen Sie zu einem anderen Kindergarten’.“
Mutter eines HIV-positiven Kindes
„Ich wollte keine Klage gegen die Ärzte vor Gericht einreichen. Ich sah, was die anderen Eltern mitmachten. Es war schrecklich.….Ich weiß noch immer nicht, wer genau mein Kind infiziert hat. Er erhielt keine Bluttransfusion, nur Injektionen. Einige Krankenschwestern verwendeten dieselben Nadeln, das war alles. Das Ergebnis ist bekannt: 146 HIV-infizierte Kinder….Ja, das Management ist schuldig, aber es bringt nichts, sie ins Gefängnis zu stecken, das wird das Problem nicht lösen und außerdem haben diese Ärzte auch Kinder…Wir brauchen jetzt Unterstützung bei der Behandlung unserer Kinder.“
Indira, Mutter eines Kindes, das in einem Krankenhaus in Kasachstan mit HIV infiziert wurde.
UNICEF unterstützt in den Staaten der Region Modellprogramme gegen Aids:
- Unterstützung für junge Mütter: UNICEF hat in der Ukraine geholfen, eine Reihe von „Mutter-Kind-Zentren“ für HIV-positive Mütter einzurichten.
- Netzwerke Betroffener: UNICEF arbeitet eng mit Selbsthilfeorganisationen zusammen, die Beratung und Hilfe anbieten.
- Beratungsangebote: UNICEF hilft den Behörden und Initiativen, gezielte Angebote für junge Risikogruppen zu entwickeln.
- Aufklärung und Information: In Russland unterstützt UNICEF Aufklärungsprogramme in über 2.000 Schulen, Kindergärten und Heimen.
- Eltern helfen Eltern: UNICEF fördert den Austausch von Eltern HIV-positiver Kinder und den Aufbau von Selbsthilfenetzwerken.
Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende!
Österreichisches Komitee für UNICEF; PSK 15 16 500; BLZ 60.000; "Kinder und Aids"
Konkrete Hilfsgüter aus dem UNICEF SHOP FOR LIFE: zum Beispiel HIV-Tests
Danke! UNICEF finanziert seine Programme für Kinder ausschließlich mit freiwilligen Beiträgen.
Infomaterial zum Thema HIV/AIDS
The Global Campaign on Children and AIDS: UNITE FOR CHILDREN - UNITE AGAINST AIDS - Website










